Eine dunkle Zeit beginnt

Ich habe immer schon unter einer Herbst-Winter-Melancholie gelitten. Ich nenne das bewusst nicht Depression…denn die hatte ich bis dahin nicht. Es ist jetzt September 2010. Ich habe den ganzen Supersommer im Krankenhaus gelegen. Jetzt endlich…nach der Reha…bin ich zuhause…und die Blätter werden gelb, die Tage kürzer und die dunklen Momente nehmen zu. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel (mann…das wollte ich immer schon einmal schreiben) baue ich ab. Ich stehe morgens auf…manchmal sogar schon um 5. Ich trinke einen Kaffee, sitze im Wohnzimmer, rauche eine Zigarette, sehe ein bisschen fern…und dann ist der Tag plötzlich zu Ende. Ich kann mich nicht daran erinnern, was ich 12 Stunden lang gemacht habe. Ich kann mich zu nichts aufraffen, bin schlapp und vollkommen bewegungsunfähig.
Mein Leihbein steht in der Ecke…unbenutzt.
Innerhalb weniger Wochen nehme ich 20 Kilo zu. Jetzt passt mein Bein auch nicht mehr. Nach wenigen Minuten verursacht es fiese Schmerzen. Mein eigenes Bein wurde noch nicht genehmigt und einen neuen Schaft, der passt, bekomme ich auch nicht. Ich muss warten, bis die Krankenkasse eine Genehmigung erteilt. Das neue Bein kostet über 30.000 Euro.
Ich will nicht im Rolli durch meinen Stadtteil rollen…und kann es auch einfach nicht.
Es gibt lichte Momente, in denen ich etwas schaffen kann. Aber sonst bleibt alles an Vera hängen. Mit unglaublicher Geduld steht sie diese dunklen Monate durch.
Ich bekomme Medikamente gegen diese Depression. Eins zum Schlafen, eins für den Tag und dann ein Drittes gegen meine Angst, nicht mehr atmen zu können. Das habe ich plötzlich entwickelt. Wenn alles ruhig ist höre ich auf meine Atmung…und dann bekomme ich eine Riesenangst davor, dass es aufhört. Ich muss dann sofort aufstehen und Fernsehen gucken oder mich sonst irgendwie ablenken. Es ist furchtbar. Mit dem dritten Antidepressivum bekommt das mein Hausarzt in den Griff.
Zusätzlich zu den Antidepressiva muss ich einen Fettblocker, ein Medikament gegen die Rücken- und Phantomschmerzen und Marcumar nehmen. Dazu noch eine Tablette, damit mein Magen das alles verträgt. Ich werde immer fetter.
Als nächstes Problem sind da meine Zähne. Durch die Notintubation haben sich zwei Schneidezähne und ein Eckzahn gelockert, die dann kurz hintereinander ausfallen. Mann ist das peinlich. So kann ich unmöglich unter Leute.
Im März geht es mir dann besser. Ich gehe zum Zahnarzt und bekomme eine Teilprothese. Und im Juni wird endlich mein Bein genehmigt. Jetzt habe ich mein eigenes Bein…und es sieht gut aus. Mit der zunehmenden Sonne ging es mir immer besser. Jetzt kann ich endlich wieder am Leben teilhaben.

C-leg

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